Geflüchtete

Students4Refugees: Existenzgründung als Neuanfang für Geflüchtete

Students4Refugees: Existenzgründung als Neuanfang für Geflüchtete

Studierende der HsH begleiten Geflüchtete auf dem Weg in die Selbstständigkeit

Anfang Oktober treffen sich sechs geflüchtete Syrerinnen und Syrer, sieben BWL-Studierende und Christian Lehmann, Professor für Unternehmensgründung und Entrepreneurship, in einem Hörsaal der Hochschule Hannover. Die Idee, die alle an einen Tisch bringt, ist das Projekt „Students4Refugees“. Hier sollen die Geflüchteten ihrem Traum der Selbstständigkeit ein Stück näherkommen – nicht ihre Flucht, sondern eine mögliche Existenzgründung und damit ein Neuanfang stehen im Vordergrund. Unterstützt werden sie dabei von Studierenden, die eine Gründung von der Idee bis zur Umsetzung begleiten möchten. Der Kick-off des Projekts findet in einem Großraumbüro der Halle 96, dem Zentrum für Kreative von hannoverimpuls, statt, an dem die Teams die folgenden sechs Wochen zusammenarbeiten sollen. Ideen werden vorgestellt, die Teams finden sich und für jede Idee wird ein kleines Startbudget verteilt. Die Teams machen sich an die Arbeit.

Gute Ideen sind gefragt

Doch wie stellt man fest, ob die Ideen der Geflüchteten gut sind? Und wie kann man eine bestehende Geschäftsidee noch besser machen? Mithilfe von Markttests und der Orientierung an den Bedürfnissen der Zielgruppe, so Prof. Dr. Christian Lehmann, einer der Initiatoren des Projekts.

Also begannen die Teams trotz anfänglicher Verständigungsprobleme mit teils kulturell sehr unterschiedlichen Werten, die Ideen zu hinterfragen. Macht ein weiterer arabischer Lebensmittelladen in Hannover wirklich Sinn? Ist die Gründung einer Fabrik für die Herstellung syrischer Seife finanzierbar? Werden kunsthandwerkliche Fähigkeiten in Deutschland ähnlich wertgeschätzt wie in arabischen Ländern?

Ernüchterung

Anfang November dann die erste Welle der Ernüchterung: Fast alle Ideen wurden zu groß gedacht. Also zurück auf Los. Wer sind die Zielgruppen und wie kann ich diese mit meinen eigenen, beschränkten Mitteln am besten erreichen? Aus dem Lebensmittelladen in der City wird ein Lieferdienst für arabische Lebensmittel, der einmal pro Woche Geflüchtete im Umland beliefert. Die Fabrik wird zu einem Handelsunternehmen, das importierte Kosmetikprodukte über Onlineshops und lokale Händler vertreibt. Und die Kunsthandwerker beginnen, Werbematerialien für die Gastronomie zu entwerfen.

Doch kommen die Produkte wirklich an bei den Kunden? Alle denken es, aber niemand weiß es. Also raus zu den Kunden, das Stichwort lautet Markttests. Mitte November, es ist kalt. Bibard und Chadi laufen mit einer Deko-Pizza unter dem Arm durch Linden. Sie sprechen bei Gastronomen vor und zeigen ihren Prototypen. Einige Gastronomen geben sich interessiert, andere wimmeln die beiden ab. So ist Vertrieb. Diana und Nour haben mehr Glück: Ihre Testlieferung ist innerhalb von 30 Minuten verkauft. Einige fragen nach, wann die nächste Lieferung kommt. Und die Seife? Eine erste Charge zu verkaufen scheitert an administrativen Dingen, obwohl die Webseite bereits steht. Dafür haben die Studierenden Bio-Läden recherchiert und mit einigen Inhabern gesprochen. Warum sie keine Seife dabei haben, werden sie gefragt.

Chance für Ideen, Chancen für Geflüchtete

Weihnachten steht vor der Tür und so langsam wird es konkret: Wie viele Kunden brauche ich, um von dem eigenen Business leben zu können? Zeit für die Finanzplanung. 15 Kunden am Tag zu Beginn, ab 50 Kunden kann man sich einen gebrauchten Transporter leisten, so die Antwort für den mobilen Lebensmittelladen. Am 15. Dezember ist es so weit – die Teams stellen ihre Ergebnisse der Jury vor: Alle sehen chic aus, aber die meisten haben vor Aufregung weniger geschlafen als sonst. Die Berater von hannoverimpuls sind da, sie hören sich die Vorstellungen der Ideen an und stellen kritische Fragen. Die Studierenden haben einen Businessplan für „ihre“ Geflüchteten erarbeitet. Auch sie kommen nicht ungeschoren davon und müssen sich die eine oder andere kritische Frage gefallen lassen. Aber alles geht gut. Cornelia Klaus, Bereichsleiterin Gründung & Entrepreneurship bei hannoverimpuls schaut ihre Leute an: alle nicken anerkennend. Moktar Sotoudi, Projektleiter GründungInterkulturell, fasst es zusammen: „Alle vorgestellten Ideen haben eine Chance verdient.“ Allgemeines Aufatmen.

Kurz vor Weihnachten treffen sich die beiden Initiatoren des Projektes, Cornelia Klaus und Prof Dr. Lehmann zur Auswertung. Es war inhaltlich herausfordernd und das Zeitbudget war nach sechs Wochen aufgebraucht. Es hat auch nicht immer Spaß gemacht: Einige Geflüchtete fragten sich des Öfteren, wozu man alles so genau dokumentieren muss. Die Studierenden verzweifelten teils an der Termintreue der Geflüchteten. Die kulturellen Unterschiede traten deutlich zutage, ein Team zerbrach kurz vor Ende. Aber es war wichtig. „Wir haben erfahren, wie Wirtschaft in Deutschland funktioniert. Man ist hier ganz anders als bei uns.“ sagt Diana vom mobilen Lebensmittelladen. Sie überlegt kurz, schmunzelt und korrigiert sich „als in meiner alten Heimat, meine ich.“

Integration Geflüchteter

Die Initiatoren fassen das Projekt diplomatischer zusammen: „Wir haben ein Zeichen gesetzt für die Integration Geflüchteter,“ so Cornelia Klaus, „und wir haben gezeigt, dass eine Selbstständigkeit auch für Geflüchtete eine berufliche Chance sein kann.“ Und Prof. Lehmann ergänzt: „Wir konnten vermitteln, dass Deutschland viele Chancen bietet, aber auch, dass hier nichts verschenkt wird.“ Und er fährt fort: „Für die Ideen von Migrantinnen und Migranten gilt umso mehr, sich kleine Ziele zu setzen und das, was wirklich wichtig ist, zu testen, bevor man viel Zeit und Geld investiert.“

Ob sie ein solches Projekt noch einmal machen würden? Bestimmt. Aber erst einmal freuen sie sich auf den Weihnachtsurlaub.

Hannover, 20.12.2016, von Prof. Dr. Christian Lehmann (Hochschule Hannover) und Cornelia Klaus (hannoverimpuls)

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